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Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung
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Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung
von: Michael Linden
Hogrefe Verlag Göttingen, 2017
ISBN: 9783840928222
119 Seiten, Download: 3791 KB
 
Format: PDF
geeignet für: PC, MAC, Laptop Online-Lesen Apple iPad, Android Tablet PC's

Typ: A (einfacher Zugriff)

 

 
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Leseprobe

2 Störungstheorien und -modelle (S. 21-22)

2.1 Verbitterungsreaktionen bei Kränkung und Ungerechtigkeit

Verbitterung ist eine Emotion, die subjektiv wie auch durch Beobachter als negativ erlebt wird und die immer auf äußere Bedingungen attribuiert wird (Alexander, 1966; Linden & Maercker, 2011; Znoj, 2008, 2011). Menschen verstehen auch ohne professionelle Vorbildung, was mit Verbitterung gemeint ist, so wie jeder weiß, was Angst oder Ärger ist. Menschen mit ausgeprägten Verbitterungszuständen wurden schon in der Antike beschrieben – beispielsweise in der Person von Ajax in der Ilias, der Odyssee, bei Ovid und Sophokles. Auch Aristoteles beschrieb die Qualität dieses Affektzustandes: Verbittert ist der schwer zu Versöhnende, der lange Zeit den Zorn festhält; er verschließt die Erregung in seinem Innern und hört damit erst auf, wenn er Vergeltung geübt hat. Denn geübte Vergeltung beschwichtigt die Erregung, indem sie das Gefühl des Schmerzes durch ein Gefühl der Befriedigung ersetzt. Geschieht das nicht, so wirkt der Druck weiter. Denn da die Erregung nicht offen heraustritt, so kann einem solchen auch keiner gut zureden, innerlich aber die Erregung zu verarbeiten, dazu braucht es Zeit. Diese Art von Menschen ist sich selbst und den vertrautesten Freunden die schwerste Last. (Aristoteles, Nikomachische Ethik)

Nach dem Alten Testament beginnt sogar die Menschheitsgeschichte mit einer Kränkungs- und Verbitterungsreaktion (Genesis 4, 1 – 16). Kain erschlägt Abel, weil Gott sein hart erarbeitetes und wohlmeinendes Opfer einfach ignoriert und das Opfer seines Bruders stattdessen mit Wohlgefallen aufgenommen hat, eine glatte Ungerechtigkeit.

Verbitterung entsteht typischerweise als Reaktion auf erlittenes Unrecht, Vertrauensbruch oder Herabwürdigung. Einer Person eine Ungerechtigkeit zuzufügen und/oder sie herabzuwürdigen, ist eine Form von Aggression. Eine typische Gegenreaktion ist dann ein aggressiver Protest. Handelt es sich jedoch um ein negatives Lebensereignis, das durch eine Gegenaggression nicht verändert oder ungeschehen gemacht werden kann, dann kann es zu einer verbitterten Gegenaggression kommen, d. h. ein Zurückschlagen „ohne Rücksicht auf Verluste“.

Obwohl Verbitterung als Reaktion auf ein als ungerecht oder herabwürdigend erlebtes Ereignis sich immer auf ein in der Vergangenheit liegendes Erlebnis bezieht, muss Verbitterung auch als antizipatorische und zielbezogene Emotion verstanden werden. Der zielbezogene Anteil von Verbitterung spiegelt die Frustration (blockiertes Ziel) oder Enttäuschung (verpasstes Ziel) wider, der antizipatorische Anteil nimmt die emotionale Bewertung zukünftiger Ereignisse vorweg (z. B. „nichts kann meine Schmach tilgen“) und ggf. auch die Wiederherstellung von Gerechtigkeit, und sei es durch Rache.

Fallbeispiel:
Herr S. war Manager in einem großen Industriebetrieb. Er war beruflich immer voll engagiert und bei der Sache und hat deswegen auch Karriere gemacht. Er wurde immer wieder mit Projekten betraut, die in Schwierigkeiten geraten waren, so wie auch im aktuellen Fall. Es zeichnete sich ab, dass das Projekt zu scheitern drohte, weshalb Herr S. Tag und Nacht versuchte, zu retten, was zu retten war. Der zuständige Abteilungsleiter war mitverantwortlich für die entstandenen Probleme. Bei einer Projektbesprechung ließ dieser dann den Satz fallen: „Wenn Sie das nicht hinbekommen, dann muss ich einen ‚richtigen‘ Manager hinzuziehen.“ Herr S. reagierte darauf mit akuter Erregung und einem dissoziativen Zustand. Er verließ das Gebäude, konnte aber nicht einmal mehr mit dem Auto nach Hause fahren, sodass ihn seine Frau abholen musste. Ab sofort ging er nicht mehr zur Arbeit. Er fühlte sich zutiefst verletzt und verbittert. Er musste ständig an die erlittene Ungerechtigkeit denken und fühlte sich macht- und hilflos. Er begann einen aussichtslosen juristischen Feldzug gegen die Firma, der sein Vermögen und das seiner Großmutter aufbrauchte. Je weniger Erfolg er hatte, desto stärker wurde sein Hass gegen den Chef. Er schwelgte in gewalttätigen Fantasien, wie er in der Firma Feuer legen könnte, um sich ggf. danach selbst umzubringen – um seinen Frieden zu haben, aber auch um ein Fanal zu setzen, damit die Welt auf die Ungerechtigkeit in der Arbeitswelt aufmerksam würde.



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